NÜCHTERN GUT LEBEN – DIE HELDENREISE DER ABSTINENZ             

 

 

 

Männergruppe                                                         (Einführende Grundlagen, Stand 20.04.2017)

 

 

 „NÜCHTERNHEIT“ bezeichnet in der deutschen Sprache einen nüchternen Zustand oder eine nüchterne Art. Der Begriff kann sich auf verschiedene Bereiche beziehen, so etwa „nicht betrunken; keinen Alkohol getrunken habend“, „ohne etwas gegessen, getrunken zu haben“ sowie sich „auf das sachlich Gegebene, Zweckmäßige beschränkend“ bzw. auf „das Zweckmäßige ausgerichtet; ohne schmückendes Beiwerk“. Veraltet bezeichnet nüchtern auch „ohne Würze, nicht genügend gesalzen“. Als Synonyme gelten Kälte, Kühle und Sparsamkeit. (Wikipedia“).

 

 

 „Nüchternheit“ meint also mehr als nur Abstinenz. Für den Suchtkranken erscheint Abstinenz und die damit verbundene „Nüchternheit“ auf den ersten Blick als Verzicht, als Verlust von Lebensqualität, die mit den positiven Wirkungen der Suchtmittel verbunden ist. „Nüchternheit“ ist weiter eine Qualität, die man eher Männern zuschreibt als Frauen. Nüchtern, rational, technisch, , funktional, “cool“ … Wenn diese „Qualitäten in Stereotypen und Einseitigkeiten verbleiben, können sie zum Problem werden: Angst davor nicht „nüchtern“, „vernünftig“, “normal“,  sondern emotional, „gefühlvoll – weich“ „anders“  zu wirken,  vielleicht gar wie „Frauen“, „Behinderte“, „Homosexuelle“, „Ausländer“ macht vielen Männern Angst (Hier sei nur kurz auf den Begriff der „hegemonialen Männlichkeit" hingewiesen). Andererseits haben wir durch die Emanzipation der Frauen eine erhebliche Verunsicherung der traditionellen männlichen Identität. Immer mehr Männer verkörpern ein Antibild zum typischen klassischen  „Mann“. Frauenversteher, Muttersöhne, Homosexuelle, Behinderte, Ausländer, Flüchtlinge … bekommen viel Aufmerksamkeit und öffentliche Zuwendung. Und der normale Mann? Er läuft Gefahr in einer Art Angst- und Trotzreaktion zu versuchen, die Männlichkeit zu verteidigen (dies ließe sich auch politisch diskutieren – Trump etc.). „Doing gender by drugs“ (Geschlechtliche Identität durch Drogen) ist wesentlich auch zu verstehen als Versuch des Einzelnen, geschlechtliche Verunsicherung mit Hilfe von Dogen zu kompensieren, bzw. auch geschlechtliche Identität – hier „Mann-Sein“ - durch Drogenkonsum herzustellen, bzw. aufrecht zu erhalten – um den Preis, den Suchtmittelkonsum kostet. Das scheint nicht wirklich „nüchtern“, vernünftig zu sein – oder? In dem Moment, wo der Suchtkranke das „nüchtern“ erkennt, sich seiner Unzufriedenheit stellt und sich auf die Suche nach einem anderen Leben begibt,  beginnt die Heldenreise.

  

In der Gruppe „Nüchtern gut leben – Die Heldenreise der Abstinenz“ geht es vor diesem Hintergrund darum, den Begriff „Nüchtern“ insbesondere für Männer neu zu füllen und die Chance, die in der Sucht liegt, wahrzunehmen: durch die Wende zu einem abstinenten – positiv nüchternen - Leben ein erfülltes positives Leben zu gewinnen – ein Leben, in dem der Gewinn des eigenen Schicksals in den Mittelpunkt rückt: Sucht hat für Männer viel mit dem Versuch zu tun, ein guter Mann zu sein. Bei allem Leid, bei allem Preis, den sie kostet:  Sie bietet jedoch auch eine Chance:  Abstinente Suchtkranke sind Helden! Sie haben mit der Bewältigung der Abstinenz heldenhaftes geleistet, wichtige Aspekte der Heldenreise bewältigt und sind in einem anderen Leben angekommen. So bietet das Bild des Helden – und der „Heldenreise“ eine Chance, dem eigenen „Mann – sein“ neuen Inhalt und eine neue Qualität zu geben. Durch einen nüchternen Blick auf die Herausforderungen der Heldenreise und die „konstruktiv nüchterne“ Bewältigung der damit verbundenen Themen und Herausforderungen. Denn die Bewältigung der Abstinenz kommt nicht von selbst!
 

 

 Der Begriff Heldenreise stammt aus der Mythologie und steht für eine jedem Menschen innewohnende Entwicklungsbewegung: er hört einen Ruf, folgt ihm und bricht auf, macht sich auf den Weg durch alle Höhen und Tiefen seiner Existenz, um zur Wahrheit seine Seele zu gelangen, d.h., zurück nachhause zu kommen." 

 

 Dieser Vorgang erscheint als kollektives Seelenbild in allen Religionen Mythen und Märchen fast aller Kulturen, Joseph Campbell nennt es den Monomythos.

 

 "Worauf bezieht sich diese Reise, die wir den initiatischen Weg nennen können, und die in so vielen Facetten und Formen beschrieben wird? Sie bezieht sich auf den eigenen Lebensweg. Es geht um die eigene Reise nachhause zu sich selbst, es ist in erster Linie eine innere Reise zur eigenen Bestimmung, zum Wesentlichen und Wesenhaften. Manchmal wird es auch Vision genannt. Etwas in uns will sich finden und vollenden… „In jedem wohnt ein Bild des, der er werden soll, solange er dies nicht ist, ist nicht sein Friede voll“(Angelus Silesius). (W. Mauckner –ZIPAT)

 

  „Fast jedes Märchen erzählt uns, wie der künftige Held als erstes von zu Hause weggeht in die Fremde, um dort Abenteuer zu bestehen, um so durch Kampf und Auseinandersetzung  seine Individualität zu formen; wer zu Hause bleibt, kann kein Held werden, kann nicht erwachsen werden.“ (Thorwald Dethlefsen, „Ödipus der Rätsellöser – Der Mensch zwischen Schuld und Erlösung“).“

 

 

 

Der Zyklus der Heldenreise nach Vogler

 

 

 

Christoph Vogler entwarf den Weg des Helden als Anleitung für Drehbuchautoren, welche insbesondere in Hollywood Beachtung findet. Sein Konzept basiert auf dem von Joseph Campbell entworfenen Modell der „HELDENREISE“.

 

 

 1.       Ausgangspunkt ist die gewohnte, langweilige oder unzureichende Welt des Helden.

 

 2.       Der Held wird von einem Herold zum Abenteuer gerufen.

 

 3.       Diesem Ruf verweigert er sich zunächst.

 

 4.       Ein Mentor überredet ihn daraufhin, die Reise anzutreten, und das Abenteuer beginnt.

 

 5.       Der Held überschreitet die erste Schwelle, nach der es kein Zurück mehr gibt.

 

 6.       Der Held wird vor erste Bewährungsproben gestellt und trifft dabei auf Verbündete

 

und Feinde.

 

 7.       Nun dringt er bis zur tiefsten Höhle, zum gefährlichsten Punkt, vor und trifft dabei auf

 

den Gegner.

 

 8.       Hier findet die entscheidende Prüfung statt: Konfrontation und Überwindung des

 

Gegners.

 

 9.       Der Held kann nun den „Schatz“ oder „das Elixier“ (konkret: ein Gegenstand oder

 

abstrakt: besonderes, neues Wissen) rauben.

 

 10.      Er tritt den Rückweg an, während dessen es zu seiner Auferstehung aus der

 

Todesnähe kommt.

 

11.      Der Feind ist besiegt, das Elixier befindet sich in der Hand des Helden. Er ist durch

 

das Abenteuer zu einer neuen Persönlichkeit gereift.

 

 12.   Das Ende der Reise: Der Rückkehrer wird zu Hause mit Anerkennung belohnt.

 

  

 

Für den Suchtkranken könnte eine Übersetzung lauten:

 

 

1.          Ausgangspunkt: Wahrnehmung von Unbehagen, Problematik, Gefahr des bisher geführten "gewohnten Lebens". Leben das zunehmend wahrgenommen wird als langweilig, unglücklich oder gefährlich.

 

 

 

2.          Aufforderung zur Veränderung: Es entsteht „Druck“ oder ein Appell – der „Ruf“ etwas

 

zu tun: Wachsender VERÄNDERUNGSDRUCK  auf das Problem – hier die Abhängigkeit.

 

 

 

3.          WIDERSTAND, ZWEIFEL, LEUGNUNG gegen notwendige Konsequenzen im Ringen 

 

mit HOFFNUNG, ZUVERSICHT, EINSICHT

 

 

 

4.          NÜCHTERNHEIT: Die Entscheidung zur Veränderung fällt, die Reise der

 

Verhaltensänderung beginnt – oft bedingt durch den Einfluss eines Helfers.

 

 

 

5.          ERSTE SCHRITTE – Es gibt kein Zurück mehr.

 

 

 

6.          BEWÄHRUNGSPROBEN: Verbündete auf dem Weg und Gefährder („Feinde“)

 

werden zunehmend erkannt. Enttäuschungen, Rückschläge sind zu verarbeiten, Beziehungen zu klären. 

 

7.       Die „K R I S E“, der gefährlichste aber auch entscheidende Punkt. Der Hauptgegner –

 

z.B. die eigene Gefahr wird deutlich erkannt – das Ausmaß der eigenen

 

Abhängigkeit, die (Sucht-)Geschichte und die Folgen für das eigene Leben werden wahrgenommen, die eigene Wirklichkeit radikal akzeptiert („RADIKALE AKZEPTANZ“).

 

 8.       KONFRONTATION, BEWÄLTIGUNG und ÜBERWINDUNG der Sucht.

 

 9.       Der GEWINN DER ABSTINENZ („DER SCHATZ“) wird wahrgenommen und erlebt.

 

 10.     RÜCKWEG IN DAS LEBEN: Auferstehung, Genesung und Abschied aus dem „Leben   in Todesnähe“

 

11.       NÜCHTERNHEIT– DAS ELIXIER bestimmt das Handeln des Helden – des       abstinenten Suchtkranken: ERWORBENE BEWÄLTIGUNGSKOMPETENZEN und  neue LEBENSWEISHEIT.

 

 12.      Das Ende der Reise: Zu Hause erfährt der Held ANERKENNUNG, FÜLLE, FREUDE: „DAS FEST DER NÜCHTERNHEIT" im "Königreich der Abstinenz".
 

 

ARCHETYPEN NACH ZIPAT (W.Mauckner , Buch: „Andreas Schick, „Selbsterfahrung Mann“)

 Ein Mann begegnet auf der Heldenreise den sieben Kernthemen seiner männlichen Seele. Jedes Kernthema steht in Verbindung mit einem inneren Archetypen. Daran angelehnt stehen folgende SEELENTHEMEN im Mittelpunkt der HELDENREISE „Nüchtern gut leben“:

 

 

HEILER:                                  KAPITULATION – Mitgefühl und Verletzbarkeit

 

            VATER:                                   STRUKTUR – Stärke, Halt und Unterstützung

 

            WILDER MANN:                    FREIHEIT – Unabhängigkeit und Wildheit

 

            KRIEGER:                              TATKRAFT – Wille, Entschlossenheit,

 

                                                             Konfliktbewältigung

 

            LIEBHABER:                          LEIDENSCHAFT – Freude, Glück, Lust und Liebe

 

            MYSTIKER:                            SINN – Weisheit und Spiritualität

 

            KÖNIG:                                   WERT – Fülle, Verantwortung, Wertschätzung

 

  

 

(siehe auch: www.zipat.de)

 

 

 

 

 KONFLIKTE NACH OPD (Operationalisierte psychodynamische Diagnostik)

 

Als gut verstehbares Modell für die Konflikte der Seele bietet sich auch ein Modell aus der Psychotherapie an: Die Konflikte der psychodynamischen Diagnostik (OPD). Sie erinnern uns daran, dass wir in der Bewältigung unseres Lebens und der Suche nach Erfüllung wesentlicher Bedürfnisse – psycho-sozialer Bedürfnisse – oft hin und hergerissen sind zwischen zwei Gegensätzen. Daraus entsteht eine Anspannung, die sogenannte Konfliktspannung. Diese Spannung kann zum Stress – zum Dauerstress werden, wenn wir die beiden Gegensätze nicht versöhnt bekommen. Die Konflikte basieren oft schon auf frühen Grunderfahrungen aus unserem Leben, aus unserer Kindheit, in unserer Familie.

 

Sie sind auch Kernthemen in den Modulen von „Nüchtern gut leben-Die Heldenreise der Abstinenz“:

 

 Das Bedürfnis frei und selbstbestimmt zu leben = Freiheit/Autonomie  steht im Konflikt mit dem Bedürfnis nach Bindung und sicherer Zugehörigkeit, Gemeinschaft.

 

 Das Bedürfnis nach Selbstwert steht im Konflikt mit dem Bedürfnis nach Lust/Entspannung und geliebt werden ohne Leistungszwang („Wer das eine will, muss das andere tun“).

 

Das Bedürfnis nach Fähigkeit zur selbstbestimmten Lebensorganisation/Autarkie (materielle Sicherheit/Einkommen, aber auch gesundheitlich, wohnen, Ernährung…) steht im Konflikt mit dem Bedürfnis/Anspruch, dass andere für die Versorgung da sein sollen (Fürsorge durch Eltern, Partner, Staat) und Verpflichtungen damit verbunden sind.

 

Das Bedürfnis nach Identität, dem Wunsch seiner Persönlichkeit frei und besonders seinen eigenen Ausdruck zu geben steht im Konflikt mit dem Bedürfnis unauffällig zu sein und keine besondere Aufmerksamkeit durch Auffälligkeit auf sich zu ziehen.

 

Das Bedürfnis nach „Gut sein“, unschuldig sein, steht im Konflikt mit der Realität von Schuld/Schuldgefühlen. Schuld kann unterwürfig, masochistisch übernommen werden oder auch geleugnet, nicht an sich heran gelassen werden.

 

Das Bedürfnis, mit seinen erotischen und lustvollen Bedürfnissen/Anteilen Aufmerksamkeit von anderen zu gewinnen, steht im Konflikt mit Scham, dem Bedürfnis nach Sicherheit der eigenen Grenzen und Würde (genannt nach der Ödipus Sage „Ödipuskonflikt“.

 

Und schließlich kann das Bedürfnis, überhaupt zu fühlen sogar im Konflikt stehen mit dem Bedürfnis, nichts mehr zu fühlen, weil die Gefühle zu bedrohlich erscheinen (oder erschienen): eingeschränkte Gefühls- und Konfliktwahrnehmung.